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Erfolgsfaktoren interdisziplinärer Lehre

Auf Einladung des Coburger-Weg-Teams diskutierten Expert*innen aus Deutschland und der Schweiz auf einem virtuellen Symposium über Gelingensbedingungen interdisziplinärer Lehre. Im Zentrum dabei standen die Themenbereiche Strategie, Management, Didaktik und Lehre. Einigkeit herrschte vor allem in der Einschätzung, dass Interdisziplinarität nicht nur ein Profilmerkmal für Hochschulen ist, sondern darüber hinaus neue Kompetenzfelder für Studierende eröffnet.

Es war eines der großen Themen der letzten zehn Jahre an Hochschulen und Universitäten: Interdisziplinarität. Vor allem der Qualitätspakt Lehre (QPL) des Bundes ermöglichte es, Strategien für interdisziplinäre Lehre zu entwickeln und neue Formate zu testen. Für Prof. Dr. Birgit Enzmann, Projektleiterin des Coburger Wegs (CoW) war das „genau der Grund, warum wir das Thema zum Ende des QPL noch einmal auf die Tagesordnung setzen“. Denn wie das Projektteam der Hochschule Coburg, verfügen auch die rund 60 an der Veranstaltung teilnehmenden Lehrenden, Mitarbeiter*innen und Didaktiker*innen aus Deutschland und der Schweiz über umfangreiche Erfahrungen zum Thema. „Wir haben hier die Möglichkeit, ein ganzheitliches Bild von den Erfolgsfaktoren interdisziplinärer Lehre zu erreichen“, so Birgit Enzmann. Dafür boten drei Workshops und eine Podiumsdiskussion ausreichend Raum. Über eine Online-Plattform konnten die Fachvorträge zum Symposium bereits vorab asynchron eingesehen werden; bei den Live-Workshops stand dann die Diskussion im Vordergrund.

Moderiert von Sonja Lehmann (HS Coburg), behandelte der erste Workshop die Rahmenbedingungen, die für die Durchführung interdisziplinärer Lehre erforderlich sind, sei es in den Bereichen Hochschulstrategie und Implementierung oder der Koordination und Organisation der Lehrangebote. Birke Kotzian von der EAH Jena erläuterte in ihrem Vortrag, wie Lehrende zu einer Beteiligung an interdisziplinärer Lehre motiviert werden können. Ein wesentlicher Anreiz sei ein attraktives Thema in Form einer populären „Headline“. Dazu gelte es, einen interdisziplinären Gedankenaustausch zu initiieren und so den Boden für weitere Zusammenarbeit zu bereiten. Außerdem sei Interdisziplinarität als ausgewiesene Strategie der Hochschulleitung essenziell für eine gewinnbringende Umsetzung. Britta Trostorff und Mats Werchohlad, zugeschaltet von der Bauhaus Universität Weimar, stellten Entwicklungslinien für fächerübergreifendes Studieren am Beispiel der „Bauhaus.Module“ vor. Ein experimenteller Zugang sowie positive Ergebnisse sind nach ihren Erfahrungen eine gute Grundlage, damit möglichst viele Hochschulmitglieder sich beteiligen. Prof. Dr. Hanno Weber plädierte dafür, sich noch intensiver mit Interdisziplinarität zu beschäftigen: „Miteinander kann man mehr, als jeder für sich. Lassen wir die Abteilungsdenke mal hinter uns und erkennen, was in der interdisziplinären Lehre für ein Schatz liegt“, rät er seinen Kolleginnen und Kollegen. Dafür hat er an der Hochschule Pforzheim eigens einen Strategieprozess gestartet, um immer wieder neue geeignete Themen für Lehr- und Lernformate anzustoßen. Für den Coburger Weg spürte Silke Heling möglichen Erfolgsfaktoren nach. Die Hochschule Coburg, so Silke Heling, hatte durch die Förderung über den QPL ausreichend Ressourcen zur Verfügung, um ein sehr aufwändiges interdisziplinäres Studienprogramm aufzubauen. Zum Projektende hin laute die Herausforderung, kleinere und flexiblere Formate zu entwickeln, die es der Hochschule ermöglichen, Interdisziplinarität in der Lehre nachhaltig weiterzuführen und ggf. weitere Lehrende und Studiengänge für interdisziplinäre Lehre zu gewinnen.
Allgemein, so das Fazit des Workshops, seien für gelingende interdisziplinäre Lehre problemorientierte Fragestellungen erforderlich, die mehrere Fachbereiche ansprechen und geeignete Formate, in denen sich interessierte Lehrende vorab austauschen können. Dieser Mehraufwand müssen zudem im Lehrdeputat erfasst werden. Hinderlich sind zeitlich enge Curricula; förderlich hingegen die Integration Studierender in Gremienarbeit und Formatentwicklung.

Via Zoom diskutierten Expert*innen für interdisziplinäre Lehre und Didaktik über Erfolgsfaktoren und Best Practice

Workshop II beschäftigte sich mit der Didaktik interdisziplinärer Lehre. Dr. Mirjam Braßler von der Universität Hamburg definierte als Lernziel interdisziplinärer Lehre die Förderung einer aus drei Elementen bestehenden interdisziplinären Kompetenz: das Verstehen unterschiedlicher Disziplinen mit ihren Wissensbeständen, Methoden und Grenzen; die Fähigkeit interdisziplinärer Problemlösung durch die Integration mehrerer disziplinärer Perspektiven zu einer Lösung und schließlich die Fähigkeit zur Reflexion des eigenen (inter-)disziplinären Vorgehens. Zur Umsetzung empfahl Braßler ein an interdisziplinäre Lehre angepasstes didaktisches Konzept des Constructive Alignments, in dem Lehr-/Lernmethoden und Prüfungsformate auf die zuvor definierten interdisziplinären Lernziele abgestimmt werden. Fokus des Studium Generale an der JGU Mainz sind laut Dr. Andreas Hütig hingegen eher ein Set fachübergreifend relevanter Kompetenzen, die gefördert werden sollen. Die Größe und Fächervielfalt der Universität ermögliche ein breites Kursangebot zu aktuellen Schnittstellenthemen und fördere eine systematische Reflexion zu Grenzen und Relevanz wissenschaftlicher Erkenntnis. Interdisziplinäre Kompetenz oder überfachliche Kompetenzen? Für die HS Coburg präsentierte Dr. Nicole Hermannsdörfer ein Modell zur Identifizierung und Analyse interdisziplinärer Kommunikations- und Handlungsfähigkeit. Diese entsteht in einem zyklischen Prozess von Wissenserwerb, konkreten Anwendungs-/Problemsituationen und Reflexion. In der von Prof. Dr. Birgit Enzmann moderierten Diskussion beleuchteten die Tagungsteilnehmer*innen weitere didaktische Herausforderungen interdisziplinärer Lehre, etwa die Besonderheit interdisziplinärer Kommunikation, die eine doppelte Übersetzungsleistung aus der eigenen disziplinären Fachsprache in Alltagssprache und wieder zurück in die eigene oder fremde Fachsprache erfordert. Als Übung mit den Studierenden eignen sich hierfür beispielsweise Textaufgaben, Visualisierungen oder das Sammeln von Assoziationen für bestimmte Begrifflichkeiten, so die Ideen aus dem Plenum.

Prof. Dr. Petra Gruner führte durch den dritten Workshop, der konkrete Praxisbeispiele behandelte. So zum Beispiel das Projekt „Creative Labs“, ein Methodentraining für Studierende, in dem sie die Methode des Design Thinking in Service-Learning-Projekten umsetzen. „Wir glauben, Interdisziplinarität ist für die Studierenden ein unglaublich wichtiger Faktor, wenn es um die Förderung von Innovationsbereitschaft, Handlungs- und Problemlösekompetenz geht“, so Birgit Frey von der Ruhr Universität, die das Vorhaben gemeinsam mit ihrem Kollegen Karsten Altenschmidt von der Universität Duisburg-Essen vorstellte. Stefan Simon präsentierte das Projekt „HOTSPOT“. Für ihn ändere die interdisziplinäre Ausrichtung der pro Semester an der Hochschule Pforzheim stattfindenden 35 Seminare vieles, von den thematischen Zugängen bis hin zur Förderung der Berufsfähigkeit. Größtes Hindernis ist, dass die Prüfungsmodalitäten in den beteiligten 28 Studiengängen nicht in kurzer Zeit geändert würden, sondern dies wachsen müsse. Wichtig sind hier feste Kriterien und enge Absprachen. Das dritte Beispiel beschäftigte sich mit Gründungs(be)förderung, das von Monika Waschik und Prof. Dr. Volker Bräutigam von der Hochschule Würzburg-Schweinfurt erläutert wurde. Sie bilden die Gründer*innen von morgen in interdisziplinären Settings aus – von der Produktentwicklung bis zu Dienstleistungsthemen. Auch in diesem Workshop zeigte sich, dass es bei der Problemlösung großer gesellschaftlicher Themen mehr braucht, als das Wissen einer Fachdisziplin. Und auch, dass die Studierenden sowie die Hochschulmitarbeitenden dafür u. a. mithilfe von Reflexionsprozessen frühzeitig sensibilisiert und entsprechend motiviert werden müssen.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Symposiums kamen aus Hochschulen und Universitäten aus Deutschland und der Schweiz. Quelle der unterlegten Karte: Wikimedia Commons, https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Karte_Deutschland.svg; (CC BY-SA 2.0 DE)

Den Abschluss des virtuellen Symposiums bildete eine Podiumsdiskussion, an der neben dem Coburger Vizepräsidenten Prof. Dr. Michael Lichtlein und dem Pforzheimer Vizerektor Prof. Dr. Hanno Weber auch Fürspr. Rico Defila, renommierter Experte für interdisziplinäre Lehre an der Universität Basel, teilnahmen. Moderatorin Silke Heling konstatierte zunächst, dass die Befürwortenden interdisziplinärer Lehre im Symposium vermutlich in der Mehrzahl seien. Doch was rechtfertige diese Ansicht? Ließen sich positive Effekte auf die interdisziplinäre Kompetenz der Studierenden überhaupt nachweisen? Die empirischen Belege seien tatsächlich rar, räumte Rico Defila ein. Eine Absolventenbefragung der Universität Bern zum interdisziplinären Studiengang „Allgemeine Ökologie“ belege immerhin, dass Studierende selbst einen solchen Kompetenzgewinn sehen und für ihren beruflichen Werdegang als wichtig bewerten. Zuvor hatten schon Birgit Frey und Karsten Altenschmidt auf solche empfundenen Kompetenzgewinne der Studierenden ihres interdisziplinären Programms hingewiesen. Hanno Weber gab zu bedenken, dass Studierende unterer Semester häufig den Wert interdisziplinärer Lehre noch nicht anerkennen würden, da die eigene Disziplinarität und mithin die Einsicht in den Mehrwert der Einbeziehung anderer fachlicher Perspektiven noch fehlten. Eine Einschätzung, die sich auch mit den Erkenntnissen aus der Modulevaluation des Coburger Wegs deckt. Andererseits, so Hanno Weber, zeige an seiner Hochschule der gute Zulauf zu interdisziplinären Studiengängen wie der Wirtschaftsinformatik die Bedeutung interdisziplinärer Lehre gerade an Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Sie seien aufgefordert, ihre Studierenden für ein Berufsfeld zu qualifizieren, wohingegen Universitäten ihren Auftrag im Voranbringen ihrer jeweiligen Wissenschaftsdisziplin verstehen. Das dürfe nicht aufgegeben werden, sondern müsse in die Lehrstrategie einfließen.

Bleibt die Frage: Wie geht es nun, nach dem Ende der QPL-Förderung, mit interdisziplinärer Hochschullehre weiter? Sie sei, so Rico Defila, schon längst im Mainstream angekommen. Podium und Publikum waren sich deshalb einig, dass der Fortbestand nicht von weiteren Sondermitteln abhängig gemacht werden sollte. Dafür gelte es, nicht nur den Rückhalt der Hochschulleitungsgremien zu gewinnen. Es müssten auch neue Anreize für Lehrende geschaffen werden, etwa über attraktive Deputatsanrechnungen, Zielvereinbarungen etc. Auch bestehende Netzwerke wie gemeinsame Didaktikzentren könnten die Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung interdisziplinärer Lehre fördern, schlug Hanno Weber vor. Michael Lichtlein verwies abschließend auf einen Faktor, der für das Themenfeld Interdisziplinarität seit jeher zentral ist: Der weitere Erfolg liege nicht allein an Finanzen und Strukturen, sondern auch an der Bereitschaft der Beteiligten, die eigene Perspektive zu hinterfragen. Jeder habe es in der eigenen Hand.