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Fünf Fragen an… Thomas Kriza

Seit 2015 lehrt Thomas Kriza Philosophie in den interdisziplinären Modulen des Coburger Wegs, nun verlässt er die Hochschule Coburg in Richtung Regensburg. Im Gespräch verrät er, wie das Interesse der Studierenden für ethische Themen geweckt werden kann, welche Gäste des philosophischen Cafés ihm besonders in Erinnerung bleiben und wie er auf seine Zeit an der Hochschule zurückblicken wird.

Herr Kriza, Sie haben sowohl Philosophie, Psychologie und Soziologie an der Freien Universität Berlin studiert als auch Wirtschaftsinformatik an der Berufsakademie Stuttgart. Vor Ihrer Promotion in Philosophie waren Sie lange Zeit als IT-Spezialist bei IBM Global Services tätig. Schlagen also zwei Herzen in Ihrer Brust?

Das würde ich schon so sagen. Ich bin Philosoph und Wirtschaftsinformatiker, ich habe lange in der IT gearbeitet und zugleich in Philosophie promoviert. Ich habe ein Buch über den Sinn des Lebens geschrieben. Ich habe somit eine Doppelqualifikation und damit auch zwei Herzen, die in meiner Brust schlagen. Natürlich sehe ich mich primär als Philosophen, aber die interessanten philosophischen Fragen heutzutage sind oft wiederum mit jenen verknüpft, die aus den innovativen neuen Technologien entstehen. Also spätestens, wenn wir damit anfangen, unsere Gehirne mit Computern zu verschmelzen, oder davon zu träumen, dass wir künstliche Intelligenzen haben, dann kommen Philosophie und Ethik ins Spiel. Was wollen wir eigentlich mit all diesen technischen Möglichkeiten anfangen? Wie wollen wir damit leben? Das alles sind philosophische Fragen, insofern gibt es eine enge Verbindung zwischen der Philosophie und der IT.

Im Projekt „Der Coburger Weg“ lehren Sie seit 2015 im Fachbereich Philosophie. Eines der Ziele des Projektes ist es, interdisziplinäre Lehrinhalte u. a. aus den Bereichen Erziehungswissenschaften, Kulturwissenschaften und eben Philosophie an die Studierenden zu vermitteln. Für Sie bedeutet das aber auch: Losgelöst von einem institutionell verankerten Fachbereich zu unterrichten. Wie wirkt sich das auf Ihre Lehre aus?

Für meine Lehre selbst stellt der fehlende Fachbereich kein Problem dar. Und auch nicht für meine Studierenden, denn ich diskutiere mit ihnen wichtige philosophische und ethische Themen, mit denen sie auch selbst Berührungspunkte haben. Die Studierenden sind sehr offen dafür. Insofern funktioniert das in der Lehre wunderbar, auch wenn es nicht durch einen Fachbereich verankert ist. Der institutionelle Rückhalt eines Fachbereiches ist sicherlich ein notwendiges Fundament, um wichtige Themen im Gefüge einer Hochschule zu verankern. Der Coburger Weg in seiner jetzigen Form war da schon ein bedeutender erster Schritt. Das Projekt hat eine Plattform geboten, um die genannten Bereiche Kultur- und Erziehungswissenschaften sowie die Philosophie in den einzelnen Studiengängen durch interdisziplinäre Lehrveranstaltungen mit fachlich gemischten Gruppen zu integrieren. Das hat sehr gut funktioniert. Es wäre schön, wenn diese nun geschaffenen Strukturen, wenn dieser eingeschlagene Weg, auch weiter gegangen werden würde, um das Erreichte auch in der Zukunft weiterzuführen.

Aber wie gehen etwa Studierende der Sozialen Arbeit, der Bioanalytik oder der Innenarchitektur in Ihren Lehrveranstaltungen ganz konkret mit philosophischen Fragestellungen um?

Wichtig ist meiner Erfahrung nach, für die Studierenden Themen zu wählen, die das persönliche oder berufliche Leben direkt betreffen. Wir haben zum Beispiel über Digitalisierung gesprochen und uns die Frage gestellt, wie soziale Netzwerke das zukünftige Arbeiten oder die persönlichen Freundschaften verändern. Was passiert mit uns, wenn wir alle unsere Lebensäußerungen digital vollziehen und zum Beispiel Informationen über uns ins Internet stellen? Mit all diesen Dingen können Studierende viel anfangen. Ihr Interesse ist geweckt und damit auch ihre Bereitschaft, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Natürlich bringen die Studierenden ihren fachlichen Hintergrund mit, ein Fundament, das ihnen hilft, auf diese Inhalte zu schauen. Es beeinflusst auch die Beispiele, mit denen sie sich gerne beschäftigen möchten. Ich habe bei den Studierenden aber immer den Willen festgestellt, sich auch mit Bereichen anderer Disziplinen zu befassen. Und ganz allgemein: Bei wichtigen philosophischen und ethischen Fragen gibt es eine große Offenheit der Studierenden, sie kritisch anzugehen – auch und gerade interdisziplinär, denn das sind diese Fragen im Kern alle.

Seit 2015 leiten Sie in Coburg das „Philosophische Café“, eine öffentliche Diskussionsrunde zu verschiedenen gesellschaftlichen Themen unserer Zeit. Viele Gastredner*innen aus dem In- und Ausland waren dort bei Ihnen zu Besuch. Welcher Gast wird Ihnen besonders in Erinnerung bleiben?

Ein gern gesehener Gast im Philosophischen Café: Der Neurowissenschaftler Prof. Dr. James Giordano

Eine schwierige Frage. Ich hatte in den letzten fünf Jahren so viele spannende Gäste, da fällt es mir schwer, jemanden explizit hervorzuheben. Manche Sitzungen hatten einen ganz besonderen Zauber inne, da saßen wir oft bis tief in den Abend und konnten uns von der Diskussion gar nicht loslösen. Aber wenn ich aus den Veranstaltungen wählen müsste, dann würde ich zum einen die Vorträge von James Giordano nennen. Einerseits ist er sowohl als Wissenschaftler als auch als Mensch eine beeindruckende Persönlichkeit. Er kann ein Publikum mitreißen und adressiert wichtige Themen, die nicht im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Zum Beispiel sprach er über ethische Fragen der Biotechnologie, speziell der Neurotechnologie. Er konnte im Rahmen des Philosophischen Cafés sehr schön darstellen, warum in dieser Wissenschaft bahnbrechende Möglichkeiten stecken, die vielleicht ähnlich weitreichend sind wie im Bereich Digitalisierung. Doch er appellierte auch an die Zuhörer*innen, dass wir unbedingt über die ethischen Fragen der Neurotechnologie diskutieren müssen, gerade auch, wenn es um militärische Einsatzmöglichkeiten geht.

Zum anderen hat mich eine weitere Veranstaltung so sehr beeindruckt, dass ich noch immer über sie nachdenke. Zusammen mit der Coburger Pianistin Barbara Zeller beschäftigten wir uns an einem Abend mit künstlicher Intelligenz, genauer gesagt mit künstlich komponierter Musik. Der Informatiker und Musikwissenschaftler David Cope programmierte eine Software, die im Stile Bachs oder Beethovens neue Stücke kreiert. Diese Stücke hat Barbara Zeller im Philosophischen Café live am Klavier gespielt. Es war eine interessante Erfahrung, denn man konnte das Gehörte nicht einfach als kalte, maschinell erzeugte Musik wegwischen. Zunächst wirkte es wie eine echte, lebendige und vor allem menschengemachte Komposition, aber man hat vielleicht, nur vielleicht, gemerkt, dass irgendetwas anders war. Über dieses Vielleicht grübele ich heute noch. Was heißt es, dass Maschinen menschliche Muster analysieren und auf deren Grundlage neue Ideen ins Leben rufen können? Auch aus dem Publikum kamen zum Teil heftige emotionale Reaktionen. Es war sehr eindrucksvoll.

Zum Wintersemester 2020/21 sind Sie als Professor für Digitalisierung, Technologiefolgen und angewandte Ethik an der OTH Regensburg berufen – Ihre Zeit in Coburg endet also in Kürze. Wie werden Sie auf diese Zeit zurückblicken?

Meine Zeit in Coburg war arbeitsreich, produktiv und fruchtbar. Ich hatte sehr viel Spaß dabei, mit den Studierenden und meinen Kolleg*innen über philosophische und ethische Fragestellungen zu diskutieren. Nicht nur in den Lehrveranstaltungen und im Philosophischen Café, sondern auch in vielen persönlichen Gesprächen. In meiner Erinnerung wird das einen großen Platz einnehmen. Ich habe in Coburg erst richtig mit dem Unterrichten begonnen, meine Lehre weiterentwickelt, ein Buch veröffentlicht. Ich habe also viel erreicht und war immer mit Freude dabei. Diese Zeit wird mich auch weiterhin in meinen Gedanken begleiten.

Das Interview führte Franziska Koch M.A., Marketing und Kommunikation, Der Coburger Weg, Hochschule Coburg.