News

„Kein Mensch ist nur krank“

 „Kein Mensch ist nur krank“- das ist eine zentrale Botschaft von Gwen Schulz, die seit 2011 in der Klinik für Psychiatrie und Psy­chotherapie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf als Genesungsbegleiterin tätig ist. Am 15. und 16. Januar 2019 war Gwen Schulz an der Hochschule Coburg, um mit Studierenden der Sozialen Arbeit Fragen rund um die gelingende Unterstützung von Menschen mit schweren psychischen Er­krankungen zu diskutieren.

Genesungsbegleiter*innen in der Psychiatrie und warum sie so wichtig sind

Lange Zeit haben in der stationären psychiatrischen Versorgung die Anliegen und Bedürfnisse von Patient*innen und deren Angehörigen nur wenig Aufmerksam­keit bekommen. Vor diesem Hintergrund ist das Konzept des Experienced Involvement entstanden. Es beinhaltet die Idee,  psychiatrieerfahrene Men­schen direkt in die Versorgung und Unterstützung einzubinden:[ Menschen, die selbst schwere psychische Krisen erlebt und reflektiert haben, unterstützen Menschen mit psychischen Erkrankungen. Nach einer einjährigen Ausbildung können sie in psychiatrischen Einrichtungen arbeiten und andere beispielsweise bei der Alltags­bewältigung begleiten. Gwen Schulz blickt auf insgesamt 5 Jahre in stationärer psychiatrischer Behandlung zurück. „Nirgendwo wird unbarmherziger zwischen gesund und krank unterschieden als in der stationären Psychiatrie“, schildert sie. „Für mich war es wichtig, mich von dieser scharfen Trennung zu lösen und meinen eigenen Weg zu entdecken.

Auch ein NICHT-perfektes Leben ist ein GELUNGENES Leben

Bei dieser Arbeit ist vor allem wichtig, dem Gegenüber als Mensch zu begegnen. Auch ein NICHT-perfektes Leben ist ein GELUNGENES Leben“ so Gwen Schulz. Gleichzeitig stellt sie klar, dass Genesungsbegleitung andere Angebote (sozialarbeiteri­sche Unterstützung, Psychotherapie) nicht ersetzt, sondern eine Ergänzung und Bereicherung dar­stellt. Auf die Frage, ob ihre Arbeit sie nicht manchmal auch destabilisiere, weil sie mit so viel Not in Berührung kommt, antwortete Gwen Schulz „Ich erlebe meine Tätigkeit als stärkend – auch, weil die dunklen Zeiten, durch die ich gehen musste, nun einen Sinn haben“. Die Themen, mit denen Men­schen zu ihr kommen, kreisen vor allem um Einsamkeit, Isolation, Angst vor Stigmatisierung und Scham. Dabei betont Gwen Schulz, dass der wirksamste Schutz vor Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erschütterungen darin bestehe, dass auch Fachkräfte zu ihrer eigenen Verletzlichkeit und Brüchigkeit stehen können. „Immerhin ist Menschsein für jede*n eine Herausforderung“ so Schulz.

Das Konzept der Genesungsbegleitung im Lehrangebot der Hochschule Coburg

Prof. Dr. Christine Kröger, Psychotherapeutin und Prodekanin der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit der Hochschule Coburg, hat Gwen Schulz in ihre Lehrveranstaltung „Soziale Arbeit mit Menschen mit psychischen Erkrankungen“ eingeladen. Sie resümiert: „Ich bin froh, dass wir durch die Förderung des Innovationsfonds die Chance hatten, so intensiv miteinander zu diskutieren. Das Konzept der Genesungsbegleitung ist gerade für die Soziale Arbeit relevant, denn es verwirklicht Empowerment und ermöglicht Menschen, die schwere Lebenskrisen erfahren haben, gesellschaftli­che Teilhabe.“ Gleichzeitig konnten auch die Fragen und Herausforderungen, die sich mit Experi­enced Involvement nach wie vor verbinden (z.B. Wie können Genesungsbegleiter*innen ihren Platz im Team finden?) reflektiert werden. Alicia Gottwald (5. Semester, Soziale Arbeit) meint „Ich dachte, dass Genesungsbegleiter*innen mittlerweile in psychiatrischen Kliniken akzeptiert und auch gewollt sind. Frau Schulz hat uns aber auch von Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit Profis durch Be­ruf erzählt. Ich denke, wir als künftige Sozialarbeiter*innen sollten ‚Brücken‘ zwischen Ärzt*innen, Psychotherapeut*innen und Genesungsbegleiter*innen bauen.“

Eine Mutmacherin als Vorbild für Studierende

Die Studierenden waren von der Offenheit mit der sie an der Lebensgeschichte und den Erfahrungen von Gwen Schulz teilhaben durften, beeindruckt. „Der Austausch mit ihr stellt für mich eine sehr kostbare Begegnung dar“ so Mailin Klabes (5. Semester, Soziale Arbeit) und weiter „besonders be­rührt hat mich ihre Stärke, sich trotz aller Herausforderungen der Tätigkeit als Genesungsbegleiterin so kraftvoll und sensibel zugleich zu widmen. Ihre Schilderungen haben mich bereichert und betrof­fen gemacht. Für mich ist sie eine beeindruckend mutige Mutmacherin, die es schafft, für andere ein Anker zu sein, obwohl ihr genau dieser Halt selbst lange Zeit gefehlt hat“. „Mir ist noch einmal sehr eindrücklich bewusstgeworden, wie wichtig es ist, dass ich mich als Fachkraft auch als Mensch zeige und mich nicht hinter einer Maske von vermeintlicher Professionalität verstecke“ meint Anna Reitinger (5. Semester Soziale Arbeit). Martin Balszuweit (ebenfalls 5. Semester, Soziale Arbeit) ergänzt „Viele Inhalte, die wir uns im Lauf des Semester erarbeitet haben, haben durch die Diskussion mit Frau Schulz Farbe bekommen“.  Als Fazit gab Frau Schulz den Studierenden noch mit auf den Weg: „Wenn Sie Menschen in Krisen echte Wertschätzung entgegen bringen, dann ist das nie  umsonst – etwas davon kommt immer an, selbst wenn es für Sie nicht spürbar wird“.

Unter Mitarbeit von Luisa Simon, Jonas Wirth, Selina Eller und Saskia Drägestein (alle 5. Semester, Soziale Arbeit) verfasst.


Weiterführende Links