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Schreiben in den Fächern

Leiterin des Schreiblabors an der Hochschule Coburg und Organisatorin des Symposiums: Dr. Regina Graßmann. Foto: Frank Wunderratsch

Das erste Schreiblabor an einer deutschen Hochschule entstand 1993 an der Universität Bielefeld mit dem Ziel, Studierende beim wissenschaftlichen Schreiben in vielfältiger Weise zu unterstützen. Seitdem entstanden immer neue Einrichtungen dieser Art, seit 2013 im Zuge des Coburger Wegs auch an der Hochschule Coburg. Für das „Coburger Symposium 2020: Schreiben in den Fächern“ luden Schreiblabor-Leiterin Dr. Regina Graßmann und ihre wissenschaftliche Mitarbeiterin Stephanie Grimm die Fachcommmunity zu einem Austausch ein, der die Berufsfähigkeit sowie die Konzepte zur Entwicklung wissenschaftlicher Schreibkompetenz in den einzelnen Studiengängen in den Fokus rückte.

Das Symposium bot den 46 Teilnehmenden mit je zwei Keynotes und Workshops, einem Poster Walk sowie einer Podiumsdiskussion ein reiches Programm. Alle Beiträge einte jedoch die thematische Klammer: Employability, also der Bezug wissenschaftlichen Schreibens auf die Berufsfähigkeit der Studierenden. In seiner Keynote erläuterte Dr. Markus Nickl die fachlichen Schreibanforderungen aus Sicht eines Praktikers: Reichen die an Hochschulen vermittelten Kompetenzen für einen gelungen Berufsstart? Studierende, findet Nickl, sollten im Laufe ihres Studiums verschiedene Textsorten und deren Regeln und Qualitätskriterien kennenlernen und sie dann auch selbst formulieren, beispielsweise in Lehrveranstaltungen, die stärker auf Schreibaufgaben setzen, um fachrelevante Inhalte zu vermitteln. „Als Studierender muss ich mir Gedanken machen: Was will ich mit meinem Text erreichen? Bei Haus- und Abschlussarbeiten natürlich eine gute Note. Dann muss ich aber auch die Grundanforderungen an den Inhalt, die Zielgruppe und die Gestalt eines Textes erfüllen können, um dieses Ziel zu erreichen“, so Markus Nickl. Gleiches gilt für spätere Schreibarbeiten im Beruf. Auch Dr. Christoph Nickenig von der Freien Universität Bozen kennt „das Elend mit dem Schreiben im Studium“. In einer zweiten Keynote berichtet er vom Spagat zwischen Kurznachrichten nutzenden Studierenden und vermeintlich altbackenen Textsorten wie Aufsätzen und plädiert für innovative Elemente und interkulturelle Eigenarten in studentischen Texten.

Fachlehre und Schreiben zusammen denken

Wissenschaftliches Schreiben ist mehr als Klausuren und Hausarbeiten. Es ist vor allem ein Lerninstrument, speziell in Fächern wie der Sozialen Arbeit und der Betriebswirtschaft, in denen Wissen unter anderem durch Reflektion und Diskussion gewonnen wird. Mit innovativen schreibdidaktischen Ansätzen und ihrer Anwendung in den Sozial- und Geisteswissenschaften beschäftigte sich ein Workshop, den Maike Wiethoff und Dr. Anika Limburg vom Schreibzentrum der Ruhr-Universität Bochum leiteten. Konkret ging es darum, Konzepte zu versammeln wie Fachlehre und Schreiben zusammen gedacht werden können. Ein abgestuftes Kooperationsmodell stellten Fridrun Freise und Mirjam Schubert vom Schreibzentrum der Universität Hamburg vor. Schreibdidaktische Unterstützung geht in Hamburg „bottom-up“: Von kurzen, ins Seminar integrierten Schreibeinheiten über schreibintensive Veranstaltungen bis zur Vermittlung von Schreibkompetenzen in der Projektlehre. „Schreiben ist von Tag eins an das Arbeitsinstrument in den Geisteswissenschaften“, verdeutlicht Mirjam Schubert. „Wir haben kein Labor, sondern die Gedanken verfestigen sich erst beim Schreiben. Wir helfen den Studierenden dabei, Texte als Forschungshandeln zu begreifen.“ Für Prof. Dr. Daniela Rothe von der Universität Duisburg-Essen sind speziell die beiden Textsorten Lektüreessay und Rezension besonders geeignet, um in ihren Lehrveranstaltungen Studierende dazu zu bringen, eine eigene fachliche Perspektive einzunehmen. Ein weiteres Beispiel für die Verzahnung von Schreiben und Fachinhalten präsentierte Dr. Nils Müller von der FH Bielefeld für den Studiengang Wirtschaftsrecht: Der Schreibprozess wird hier bei jedem Arbeitsschritt eng begleitet und mit unterschiedlichen Lehr-/Lernformen kombiniert. Dabei spielt vor allem Feedback eine wichtige Rolle.

Ein Tagungsband ist in Arbeit

Ein zweiter Workshop des Symposiums thematisierte die Schreiblehre in den natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächern. Andreas Hirsch-Weber und Cristina Loesch (KIT Karlsruhe) diskutierten mit den Teilnehmenden über Gelingensbedingungen in der MINT-Schreibdidaktik. So setzen sich die Studierenden im Fach „Web-based Communication“ in den Studiengängen der internationalen Wirtschaftskommunikation an der Aarhus University mit verschiedenen Textsorten in web-basierten Genres auseinander, um die verschiedenen Texte beschreiben, analysieren und letztlich selbst produzieren zu können. Feedback erhalten sie dabei von Studierenden höherer Semester. Ein gelungenes Konzept, wie Carmen Heine in ihrem Beitrag zeigte. Neue Wege zur Förderung von Schreibkompetenzen in den Naturwissenschaften beschreitet auch die Goethe-Universität Frankfurt am Main. Im Sommersemester 2019 startete das naturwissenschaftliche Schreibzentrum ein Pilotprojekt in Form eines Texttutoren-Programms. In ausgesuchten Lehrveranstaltungen geben die studentischen Texttutor*innen, ähnlich wie Writing Fellows, ihren Mitstudierenden mündliches und schriftliches Feedback auf deren Schreibarbeiten. Die Tutor*innen stammen aus dem jeweiligen Fach und erhalten vorab eine schreibdidaktische Ausbildung. Eva Kaufholz-Soldat erläuterte den Workshop-Teilnehmenden dieses spannende Konzept sowie konkrete Ergebnisse des Programms, das aufgrund seiner erfolgreichen Evaluation auch aktuell weitergeführt wird.

Für Dr. Regina Graßmann spiegeln sich viele der im Rahmen des Symposiums diskutierten Themen auch in ihrer eigenen Arbeit als Leiterin des Schreiblabors an der Hochschule Coburg wider: „Schreiben ist ein Lerninstrument. Die Entwicklung akademischer Literalität soll deshalb von Studienbeginn fachintegriert gefördert werden. Die Diskussion in den Workshops zeigte eindeutig, wie wichtig hier der interdisziplinäre Dialog mit den Fachwissenschaftler*innen ist.“ Im Anschluss an das Symposium wird es einen Tagungsband geben: „Wir freuen uns, im Tagungsband die Ergebnisse des Dialogs der Kolleginnen und Kollegen bündeln zu können.“

Verfasst von Franziska Koch, Kommunikation und Marketing, Der Coburger Weg, Hochschule Coburg