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Mit Cuttern und Maßband nach Thailand

Thailland, Leonie Schwarz, Hochschule Coburg, HS Coburg, Architektur

Leonie Schwarz erstellte die Pläne, nach denen die Schlafhäuser für 50 Kinder in Nordthailand umgesetzt wurden.

Frau Schwarz, im Oktober 2019 nahmen Sie an einem Stegreif teil, für den Sie und Ihre Kommiliton*innen innerhalb von drei Tagen Entwürfe erarbeiteten. Das Thema: „Schlafhäuser für eine Schule in dem Flüchtlingsort Mae Ku“ . Ihre Arbeit wurde zum Sieger gekürt, jetzt sind die beiden Schlafhäuser nach Ihren Plänen bereits gebaut. Was ist das für ein Gefühl?
Das ist total verrückt! Ich habe es noch gar nicht richtig realisiert. Alles passierte so schnell: Anfang Oktober habe ich mich an dem Stegreif beteiligt und zwei, drei Wochen später kam auch schon mein Dozent Professor Dr. Hirth auf mich zu und berichtete, dass wir den Entwurf tatsächlich umsetzen. Im Februar, zum Ende des Semesters, sind wir dann nach Thailand geflogen und haben die Schlafhäuser aufgestellt. Ich kann es gar nicht richtig beschreiben. Es ist schließlich kein normales Projekt, denn wir haben diese Häuser für die Kinder gebaut. Und damit ist so viel mehr verbunden, als, dass nur ein Entwurf umgesetzt wurde. Wir haben diesen Kindern ein neues Zuhause geschenkt, das von Ihnen sehr gut angenommen wird. Wie sehr sie sich darüber gefreut haben, wie dankbar sie sind und das auch zeigten – das kann man kaum in Worte fassen.

Was hatten Sie auf Ihrer Reise nach Mae Ku außer den Bauplänen noch mit im Gepäck?
Das Material, das wir für den Bau brauchten, haben wir vor Ort gekauft. Dennoch nahmen wir einiges von zuhause mit. In meinem Koffer lagen zwischen dem Handgepäck auch Maßstäbe und Cutter. Meine Komiliton*innen hatten Stichsägen und mehrere Hammer dabei. Wir waren am Anfang nicht ganz sicher, ob wir all das tatsächlich mitnehmen dürfen, aber es hat geklappt [lacht].

Entwurf der beiden Schlafhäuser, je eines für die Jungen und eines für die Mädchen (©Leonie Schwarz).

Wie gestaltete sich während Ihres Aufenthalts Ihr Tagesablauf?
Wir waren eigentlich fast jeden Tag auf der Baustelle. Nach dem Frühstück wurden wir direkt dorthin gebracht. Mittags haben die Kinder und ihre Lehrerinnen zusammen für uns gekocht: traditionelles thailändisches Essen, immer vegetarisch und nicht zu scharf [lacht]. Und nach der Arbeit sind wir oft Essen gegangen, saßen noch zusammen in unserer Unterkunft und haben die Abende gemeinsam verbracht.

Mit welchen Herausforderungen sahen Sie sich konfrontiert?
Unser Team bestand aus Studierenden und zwei Lehrenden, wir sind keine professionellen Handwerker*innen. Das heißt, wir sind auf die Baustelle gefahren und haben einfach drauf los gebaut. Wir sahen uns natürlich immer mal wieder Situationen gegenüber, bei denen wir nicht wussten, wie wir damit am besten umgehen. Es gab auch mal ein paar Probleme, zum Beispiel weil wir nicht das passende Material bekommen haben oder uns das richtige Werkzeug fehlte. Wir haben uns als Team dann immer zusammengesetzt, darüber geredet und nach einer Lösung gesucht. Das Ergebnis kann sich meiner Meinung nach sehen lassen: Wir haben ein Haus komplett fertigstellen können und beim zweiten den Rohbau übergeben. Diesen haben die drei Handwerker, die uns vor Ort unterstützten, nach unserer Abreise zusammen mit einem Lehrer und dem Schulleiter zu Ende gebaut.

Eines der Schlafhäuser nach Fertigstellung.

Sie waren eine von zwei Studierenden aus dem siebten Semester Architektur. Alle anderen Studierenden befanden sich in ihrem ersten Semester und besitzen keine handwerklichen Vorkenntnisse. Wie muss man sich die semesterübergreifende Arbeit im Team vorstellen?
Ich finde, es hat überhaupt keinen Unterschied gemacht. Wir waren in einem anderen Land, dort waren viele Abläufe sowieso verschieden, alles ist irgendwie neu. Dadurch hatte niemand einen Vorteil einem anderen gegenüber. Wir haben alle wirklich gut als Team funktioniert und sind richtig zusammengewachsen. Alle waren motiviert und jede*r hat seinen Teil zum Gelingen beigetragen. Das Ziel war immer vor unseren Augen, nämlich die Häuser fertig zu stellen. Und das hat letztlich auch geklappt.

Die Idee zum Bau der Hütten kam ursprünglich von Jan Glasmeier, einem Architekten, der seit vielen Jahren immer wieder nach Thailand kommt und dabei hilft, mit Spendengeldern Bauprojekte umzusetzen. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm und seinen Kolleg*innen vor Ort?
Das lief sehr gut. Jan Glasmeier hatte noch eine andere Baustelle in der Nähe, um die er sich natürlich kümmern musste. Dennoch hat er uns fast jeden Tag auf die Baustelle gebracht und auch wieder abgeholt. Er stand uns immer mit Rat und Tat zu Seite, ob es um Materialbeschaffung ging oder um Hilfe bei der Kommunikation, zum Beispiel mit der Schulleitung. Auch die drei Arbeiter, von denen ich schon sprach, hat er für uns akquiriert.

Das Projektteam in einem der Häuser: Jan Glasmeier, Gerrit Nöhmer, Sebastian Stößel, Benedikt Krahnert, Thilo Kästner, Samuel Oberhauser, Emilia Tietz Leonie Schwarz, Leonie Scheler, Alyssa Böttcher, Roxana Reuss, Prof. Dr. Rainer Hirth (v. l. o. nach r. u.)

Jetzt fände eigentlich der Campus.Design Open statt, in dessen Rahmen Ihre Projektgruppe die Ergebnisse aus Thailand anhand einer Film-Sound-Kollage der Öffentlichkeit präsentieren wollte. Wie alle Großveranstaltungen, ist aktuell jedoch auch der CDO abgesagt. Haben Interessierte dennoch die Möglichkeit, Einblicke in das Projekt zu erhalten?
Ja und zwar über den Instagram-Account des Coburger Wegs. Unser Team hat während unseres Thailandaufenthaltes den Account übernommen und jeden Tag Stories gepostet, die unsere Fortschritte auf der Baustelle dokumentieren. Auch einen kleinen Film, den wir nach unserer Rückkehr erstellten, haben wir vor kurzem dort hochgeladen. Natürlich ist es schade, dass der CDO dieses Jahr aufgrund der aktuellen Situation nicht stattfinden kann, aber vielleicht gibt es ja nächstes Jahr die Möglichkeit, unsere Projektergebnisse noch einmal zu zeigen.

Leonie Schwarz studiert im 8. Semester Architektur an der Hochschule Coburg. Aktuell schreibt sie an ihrer Bachelorarbeit zum Thema „Innovation im ländlichen Raum – Neue Nutzungen in alten Strukturen in Warmensteinach“.

Das Interview führte Franziska Koch, Marketing und Kommunikation, Der Coburger Weg, Hochschule Coburg.